KARTE NOIRE

2502

DIE THEMEN

DAS JAHR 2502 | L'ANNÉE 2502

25. April 2020

Nebia Poche

In dieser Ausgabe laden wir die Künstler_innen ein, das Publikum auf eine Zeitreise ins Jahr 2502 mitzunehmen um ihre Vision - wie die Welt in 482 Jahren aussehen könnte - zu präsentieren.

Wenn wir fünfhundert Jahren in der Zeit zurückreisen könnten, würden wir auf ein blühendes aztekisches Reich in Zentralmexiko treffen. Wir würden eine frisch bemalte "Mona Lisa" sehen und hätten Michelangelo vielleicht geholfen, "David" zu vollenden. Wir würden den Beginn der Versklavung Afrikas für die neuen Welt miterleben, ein frisch gedrucktes Exemplar von Machiavellis "Der Fürst" lesen oder sogar an der Taufe von Baby Nostradamus teilnehmen.

Aber sogar ein Prophet wie Nostradamus konnte nicht ahnen, wie das Leben im 21. Jahrhundert aussehen würde.

Unsere heutige Welt entwickelt sich immer wie schneller. Unvorhersehbare Ereignisse bringen Wendungen, die eine Welt im Jahr 2502 zu prophezeien, praktisch unmöglich machen.

Naja, vielleicht können wir nicht vorhersagen, wie die Zukunft aussehen wird, aber darüber zu spekulieren bietet viele anregende und unterhaltsame Ideen.

Werden wir aussterben? Werden wir zu Cyborgs? Werden Maschinen die Welt beherrschen? Werden wir auf schwebenden Städten leben, weil die Eis schmelze den Planeten überflutet hat? Oder in dem Fall, vielleicht auch in Städten unter Wasser leben? Werden wir uns in die Cloud hochladen können? Wird die Cloud weiß und flauschig sein? Werden wir zu unsterbliche Wesen? Wird es das Theater noch geben? So viele Möglichkeiten!

mit Raul Vargas Torres (Bogota, Berlin) als Guest-Star

 

DIE LANGEWEILE | L'ENNUI

27. Juni 2020

La Voirie

In dieser Ausgabe beschäftigen wir uns mit dem Raum zwischen der Langeweile und der Unterhaltung im Leben sowie im Theater.

Die Langeweile ist ein Zustand, den die meisten Menschen zu vermeiden versuchen. Wir haben Angst vor der Leere. Wir lechzen nach Unterhaltung. Jedes Kleinkind kann mit einem Smartphone innerhalb von Sekunden beruhigt werden.

Warum genau versuchen wir, die Langeweile zu vermeiden? Warum haben wir so viel Angst vor ihr? Ist es das Erleben des Nichts, was uns so verängstigt? Ist es überhaupt möglich, sich in einem Zustand des Nichts-Tuns zu befinden? Oder des Nichts-Denkens? Irgendetwas bewegt sich immer in uns. Irgendwas geht immer vor sich. Da ist nie nichts.

Im Theater - Wir als Schauspieler_innen versuchen mit allen Mitteln zu vermeiden, langweilig zu sein. Wir wollen uns dieser Angst stellen und die Langeweile untersuchen.

Wir stellen uns dem total Fatalen, der Konfrontation mit der Angst vor der Langeweile, dem Fiasko auf der Bühne. Wir riskieren die Trivialität, die langgezogene Leere, das Nichts. So das paradoxerweise die Langeweile unterhaltsam werden kann.


mit Sara Uslu (Genf) als Guest-Star

GESCHICHTEN SCHAFFEN DIE GESCHICHTE | LES HISTOIRES CRÉENT L'HISTOIRE

10. Oktober 2020

La Voirie

“Sapiens regiert die Welt, weil wir das einzige Tier sind, das in großer Anzahl flexibel kooperieren kann. Wir können gigantische kooperative Netzwerke schaffen, in denen Tausende und Millionen von völlig Fremden miteinander auf gemeinsame Ziele hinarbeiten. Einzeln oder selbst zu zehnt sind wir Menschen den Schimpansen beschämend ähnlich. Jeder Versuch, unsere einzigartige Position in der Welt zu verstehen, ist zum Scheitern verurteilt, solange wir unsere Gehirne, unsere Körper oder unsere Familienbeziehungen untersuchen. Der wahre Unterschied zwischen uns und den Schimpansen ist der geheimnisvolle Klebstoff, der es Millionen von Menschen möglich macht, erfolgreich zusammenzuarbeiten.
Dieser geheimnisvolle Klebstoff besteht aus Geschichten, nicht aus Genen. Wir arbeiten erfolgreich mit Fremden zusammen, weil wir in Dinge wie Götter, Nationen, Geld und Menschenrechte glauben. Und doch existiert keines dieser Dinge außerhalb der Geschichten, die Menschen erfinden und sich gegenseitig erzählen. Es gibt keine Götter im Universum, keine Nationen, kein Geld und keine Menschenrechte – außer in der gemeinsamen Vorstellung der Menschen. Kein Schimpanse lässt sich überzeugen, eine Banane herzugeben, weil man ihm verspricht, dass er nach seinem Tod im Himmel Bananen ohne Ende erhalten wird. Sapiens können solche Geschichten glauben. Das ist der Grund, warum wir die Welt regieren und Schimpansen in Zoos und Forschungslabors eingeschlossen sind.”

 -Yuval Noah Harari

In dieser Edition lassen wir uns von diesem prominenten Text des Historikers und Philosophen Yuval Noah Harari inspirieren.

Geschichten schaffen unsere Realität. Geschichten, die wir uns selbst erzählen und Geschichten, die uns erzählt werden.

Sogar auf der persönlichen Ebene: Wer sind wir? Warum verhalten wir uns auf eine bestimmten Weise? Jede Wahl, die wir im Leben treffen, wird von einer Geschichte angetrieben. Egal ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.

Aber wenn es nur Geschichten sind - woher wissen wir, an welche wir glauben sollen? Und sind sie alle fiktiv, also fake? Dann bedeutet das, dass unsere gesamte Existenz auf Fiktion basiert? Und wenn der einzige Unterschied zwischen uns und Schimpansen darin liegt, dass wir an Geschichten glauben - ist es dann nicht so, dass Schimpansen "echter" sind als wir?

In dieser Ausgabe laden wir die Künstler_innen dazu ein, die Geschichte hinter der Geschichte zu erforschen und in das Paradoxon unserer eigenen Realität einzutauchen.

 

mit Claudia Nuara (Biel) als Guest-Star

REMAKE

5. Dezember 2020

Nebia Poche

Der Postmodernismus hat sich das „Copy-Paste“ angeeignet. Wir sind überzeugt, dass Remakes ein postmodernes Phänomen ist.

Von Duchamps Ready-Made “Fontaine” bis hin zu Andy Warhols mechanischen Reproduktionen - In der Kunst ist man sich heutzutage einig, dass nichts mehr originell sein kann. Der Künstler/die Künstlerin sucht nicht nach Originalität, sondern nach Authentizität, d.h. nach dem authentischsten Weg bestehende Ideen oder Materialien umzusetzen. Ideen von anderen Künstler_innen zu kopieren und neu um zu setzen, ist moralisch in Ordnung. Auch in der kommerziellen Unterhaltungsbranche, aka Hollywood, werden jedes Jahr Remakes in großem Maßstab produziert.

Aber Remakes und Copy-Paste waren immer schon da. Nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Wissenschaft und Natur.

Die Errungenschaften von Isaac Newton sind nur möglich gewesen, weil er auf frühere Entdeckungen von anderen Forschern aufbaute. "Wenn ich weiter geblickt habe, so auch, weil ich auf die Schultern von Riesen stehe". Zitterte er ein Spruch aus dem 12. Jahrhundert.

Aber tatsächlich das ganze Leben hängt von Remakes ab. Unsere Zellen kopieren sich selbst und fügen sich ein, um neue, identische Zellen zu erstellen. Dieser Prozess, bekannt als Mitose, ermöglicht es allen Organismen zu wachsen, sich zu entwickeln und zu heilen. Ohne diesen Prozess wären wir immer noch Einzeller. Remakes kultivieren das Leben. Kultur ist auf Copy-Paste aufgebaut.

In der letzten Ausgabe für das Jahr 2020 laden wir unsere Künstler_innen ein, Material anderer Künstler zu kopieren, einzufügen oder sogar eigenes Material zu zitieren und remaken.


Mit Raphael Vuilleumier (Biel, Winterthur) als Guest-Star