KARTE NOIRE

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DIE THEMEN

 

RED HERRING

17. April 2021

Hybrid Event  - Online & Audiovisuelle Installation

Alte-Krone/Dachstock

 

Red Herring ist ein narratives Mittel im Storytelling, dass das Publikum mit irreführenden Hinweisen von der Haupthandlung ablenkt. Der Red Herring findet nicht nur in fiktiven Szenarien Verwendung, sondern auch in Diskussionen, Medien, Gerichtsverfahren und in der Politik. Der Begriff wurde 1807 vom Journalisten William Cobbett geprägt, der die Presse dafür kritisierte, dass sie voreilig über die Niederlage Napoleons berichteten, und verglich diese Tat mit der Verwendung stark riechender, geräucherte roter Heringe, um Hunde von einer anderen Fährte abzulenken.

In der Literatur, bei der Verwendung eines Red Herrings fügt ein Autor oft Details hinzu, um die Leser absichtlich in die Irre zu führen und eine falsche Spur zu legen. So wird der Leser daran gehindert, ein konkretes Handlungsergebnis vorherzusagen. Red Herrings sind scheinbar plausibel, aber letztlich irrelevant. Deshalb hatte ich zum Frühstück ein Omelett mit Käse. Bemerkenswert an den roten Heringe ist, dass sie nicht von Natur aus rot sind, und der Fisch, aus dem sie hergestellt werden, heißt nicht Herring, sondern Bückling.

Wäre es also ein Red Herring, wenn bei einer Veranstaltung mit dem Titel "Red Herring", gar keine Red Herrings vorkommen würden?

In der ersten Ausgabe 2021 laden wir die KünstlerInnen dazu ein, den Plot zu verdrehen und das Publikum auf verschiedene Fährten zu führen, um herauszufinden, wo sich der stinkende Fisch versteckt.

mit Isabelle Freymond und Raul Vargas Torres als Gäste

 

ABER SICHER!

21. August 2021

La Voirie

Wodurch fühlen wir uns geistig und körperlich sicher und geborgen? Als Mitglieder einer Gesellschaft leben wir in einem ständigen Konflikt zwischen Sicherheit und Freiheit. Die Freiheit einer Person, kann die Sicherheit einer anderen einschränken. Und vice versa. Das Spannungsfeld, das durch diese beiden Pole entsteht, erzeugt ein grundlegendes Paradoxon - um sich frei zu fühlen, muss man sich sicher fühlen, aber Sicherheit begrenzt per Definition die Freiheit.

Woraus besteht die Selbstsicherheit? Ab wann ist Selbstsicherheit eine gesunde Eigenschaft und ab wann wird sie zur Hybris? “Ich weiß, dass ich nichts weiß” hat Plato gesagt. Oder war es Sokrates? Oder war es doch Cicero? Wer weiss? Wie kann man sich da Sicher sein?

ABER SICHER! ist eine Einladung, die Sicherheit, die Freiheit, die Selbstsicherheit, das Wissen, die Ignoranz und das Ego zu thematisieren.

HYSTERIA

30. Oktober 2021

La Voirie

Heutzutage verwendet man den Begriff Hysterie, um extreme Situationen zu beschreiben. Die semantische Bedeutung variiert je nach Kultur und Sprache. Im Deutschen kann "hysterisch" für etwas extrem intensives stehen. Im amerikanischen Englisch kann "hysterisch" etwas extrem lustiges bezeichnen. Im Hebräischen bedeutet “hysterisch” extrem gut.

Das Wort Hysterie, stammt aus dem altgriechischen hystéra und bedeute Gebärmutter. Seit der Antike galt sie als Frauenkrankheit und nahm an, dass sie durch eine wandernde Gebärmutter verursacht wird. Im
Mittelalter glaubte man, dass sie durch eine dämonische Besessenheit verursacht wird. In der klassischen westlichen Psychologie des 19. und 20. Jahrhunderts wurde sie als eine psychische Erkrankung der Frau
betrachtet. Ohnmachtsanfälle, emotionale Ausbrüche, Nervosität und Reizbarkeit waren nicht die einzigen Kennzeichen der weiblichen Hysterie. Auch bestimmte Kernaspekte der weiblichen Sexualität, Lust
und sexuelle Frustration standen auf der Liste. Erst Mitte der 80er Jahre wurde sie aus den offiziellen Psychologiebüchern gestrichen. Heute weiß man, dass psychische Erkrankungen verschiedene Ursachen haben und eine Person kann, unabhängig vom Geschlecht davon betroffen sein.

Bei einer Massenhysterie kann sich das verhalten der Leute abrupt zu panisches und völliges irrational handeln wechseln. Das Verhalten breitet sich schnell und breitflächig in einem epidemischen Muster aus. Zum Beispiel gab es 1518 in Straßburg einen bizarren Fall von Tanzwahn, bei dem eine Gruppe von hunderte von Menschen tagelang in den Straßen tanzten. In einigen Quellen wird sogar erwähnt, dass sich einige von ihnen zu Tode tanzten.

Manche bezeichnen die Performance-Art, als die hysterische kleine Schwester des Theaters. Wir laden die Künstler dazu ein, das Extreme zu erforschen und herauszufinden, was Hysterie für sie bedeutet.

 

mit Raphael Vuilleumier als Gast

PYGMALION

18. Dezember 2021

La Voirie

Nach der griechisch-römischen Mythologie war Pygmalion ein Bildhauer, der sich in seine eigene Schöpfung verliebte. Er war von Frauen gelangweilt und ermüdet. Er fand Trost in einer seiner Elfenbeinstatue, die er Galatea nannte. Als er zu den Göttern betete, eine Frau zu finden, die so gut wie Galatea sei, beschloss Aphrodite, die Statue zum Leben zu erwecken. Diese Geschichte inspirierte zahlreiche Opern, Bühnenstücke und literarische Werke, unter anderem von J.J. Rousseau und Bernard Shaw.

In der Psychologie ist der Pygmalion-Effekt eine selbsterfüllende Prophezeiung, die als positive Verstärkungen wirkt - Eine Person hat Erwartungen an eine andere Person, ändert ihr Verhalten entsprechend dieser Erwartungen, und das Objekt der Erwartungen ändert daraufhin ebenfalls sein Verhalten.

Positive Verstärkungen können aber auch den gegenteiligen Effekt haben. Zum Beispiel den Cobra-Effekt. Der Cobra-Effekt tritt auf, wenn Anreize, die zur Lösung eines Problems gedacht sind, die Leute dazu bringen, das Problem zu verschlimmern. In Delhi war die Regierung besorgt über die Anzahl der giftigen
Kobras. Sie bot ein Kopfgeld für jede tote Kobra an. Anfänglich war dies eine erfolgreiche Strategie; eine große Anzahl von Schlangen wurde für die Belohnung getötet. Schließlich begannen geschäftstüchtige Leute Kobras zu züchten, um mehr Geld zu verdienen. Als daraufhin, die Regierung die Kopfgeld Aktion wieder einstellte, waren durch die Kobra-Zucht mehr Kobras übergeblieben als davor.

Pygmalion ist eine Einladung, über die Liebe zur eigenen Schöpfung nachzudenken und die Macht von Erwartungen und Enttäuschungen zu erforschen. Kann also der Mensch das Unvermeidliche vermeiden?


mit Rebekka Gather als Gast